Der Fährhafen von Los Cristianos, sieben Uhr morgens, und ich stehe mit einem Kaffee in der Hand vor einer Anzeigetafel, die mir erklärt, dass mein Schiff in zwanzig Minuten ablegt und ich noch keine Ahnung habe, ob mir auf der anderen Seite des Wassers überhaupt jemand ein Taxi anbietet. Zwei Stunden später sitze ich in San Sebastián auf einer Bank, die Sonne brennt, und ein Mann pfeift über den Platz – nicht aus Freude, sondern weil er jemandem etwas mitteilt. Willkommen auf La Gomera.
Die zweitkleinste der Kanaren ist die Insel, über die alle reden, wenn sie „unberührt" sagen, und die dann doch die meisten links liegen lassen, weil Teneriffa fünfzig Minuten entfernt liegt und der Teide größer ist. Ich habe mehrere Wochen auf der Insel verbracht, verteilt über verschiedene Reisen, und ich habe dabei drei Dinge gelernt: dass die Fähre der eigentliche Zugang ist, dass man Berge und Meer nicht getrennt denken darf und dass ich beim ersten Besuch einen Fehler gemacht habe, den ich heute nicht mehr mache.
Wichtige Erkenntnisse
- La Gomera ist rund 370 Quadratkilometer groß, fast kreisrund und vulkanischen Ursprungs – der letzte Ausbruch liegt allerdings Millionen Jahre zurück.
- Der Garajonay erreicht knapp 1.500 Meter und trägt einen der letzten erhaltenen Lorbeerwälder Europas.
- Fähren verbinden die Insel mehrmals täglich mit Teneriffa; die Überfahrt dauert je nach Route zwischen 50 Minuten und knapp zwei Stunden.
- Die beste Reisezeit liegt für Wanderer im Frühjahr und Herbst, für Badefreunde zwischen Juni und Oktober.
- La Gomera ist teurer als das spanische Festland, aber günstiger als Teneriffa-Süd – vor allem bei Unterkünften und Mietwagen.
La Gomera, Kanaren: warum diese Insel anders tickt als der Rest
Rund 370 Quadratkilometer. Das ist etwa die Fläche von Bremen – nur dass Bremen flach ist und La Gomera nicht. Die Insel ist fast kreisrund, in der Mitte sitzt ein Gebirgsstock, und von dort fallen die Hänge so steil ab, dass man für zehn Kilometer Luftlinie schon mal eine Stunde Kurvenfahrt einplanen muss. Ich habe das unterschätzt. Bei meiner ersten Ankunft dachte ich, ich miete mir ein Auto und fahre „mal eben" von San Sebastián nach Valle Gran Rey. Zwei Stunden später saß ich mit weichen Knien an einem Aussichtspunkt und fragte mich, warum auf der Uhr stand, dass ich erst zwanzig Kilometer gefahren bin.
Warum La Gomera als „wilde Insel" gilt
Die Gründe sind konkret. Es gibt keinen Massentourismus mit Hochhauszeilen, weil die Küsten dafür schlicht zu steil sind. Es gibt keine große Hotelkette, die das Ortsbild bestimmt. Und es gibt eine Verkehrsregel, die die Insel praktisch zusammenhält: Straßen, die sich an Felswände klammern und an denen man beim Gegenverkehr zurücksetzen muss. Ehrlich gesagt habe ich auf der Strecke nach Playa Santiago mehrfach angehalten, nicht um zu fotografieren, sondern um zu atmen.
Was das für Reisende bedeutet: Wer einen Strandurlaub mit Liegen und Poolbar sucht, wird hier nicht glücklich. Wer wandert, wird es. Und wer beides will, fährt eben nach Teneriffa.
Was bedeutet eigentlich „La Gomera"?
Der Name stammt nicht aus dem Spanischen. Er geht auf die Ureinwohner der Insel zurück, die Guanchen, und auf die Bezeichnung, die sie selbst für ihr Land nutzten – überliefert in unterschiedlichen Schreibweisen wie Gomera oder Gomahara. Eine eindeutige Übersetzung gibt es nicht, und Vorsicht: In Umlauf sind mehrere volkstümliche Deutungen, die sich nicht belegen lassen. Auf Deutsch wird die Insel schlicht „La Gomera" genannt, mit weiblichem Artikel, weil das spanische Wort es so vorgibt.
Welche Fährverbindungen gibt es von La Gomera nach Teneriffa?
Zwei Reedereien bedienen die Strecke, und sie unterscheiden sich nicht nur im Preis. Die schnellen Katamarane brauchen zwischen 50 Minuten und einer Stunde für die Verbindung zwischen Los Cristianos im Süden Teneriffas und San Sebastián. Die größere Autofähre ist langsamer, dafür kann man mit dem Mietwagen direkt an Bord rollen – was den entscheidenden Unterschied macht, wenn Sie die Insel mit eigenem Fahrzeug erkunden wollen.
Gefahren wird mehrmals täglich, in der Hochsaison dichter getaktet als im Winter. Es gibt zusätzlich eine Verbindung von Los Cristianos nach Valle Gran Rey im Westen der Insel, die vor allem von Wanderern genutzt wird, die direkt im Südwesten starten wollen. Ich habe diese Route einmal genommen und war heilfroh, nicht erst quer über die Insel kurven zu müssen.
- San Sebastián: kürzeste Überfahrt, häufigste Abfahrten, Anbindung an Busse in beide Richtungen.
- Valle Gran Rey: direkter Einstieg in den Westen, weniger Abfahrten pro Tag.
- Mietwagen: nur mit der langsamen Fähre möglich, Buchung vorab empfohlen.
- Reservierung: In der Karwoche und im August sind die Nachmittagsfähren oft ausgebucht – ich habe einmal eine Woche im Voraus gebucht und war damit knapp dran.
Hat La Gomera einen Vulkan?
Jein – und das ist die ehrlichste Antwort, die ich geben kann. La Gomera ist vulkanischen Ursprungs, entstanden aus Eruptionen am Meeresgrund, aber einen aktiv benannten Vulkankegel wie den Teide auf Teneriffa oder den Vulkan auf La Palma sucht man vergebens. Der letzte Ausbruch liegt nach gängiger Lesart Millionen Jahre zurück, die Insel ist inzwischen stark erodiert. Was bleibt, sind die Spuren: steile Schluchten, Basaltsäulen, und mittendrin der Roque de Agando, ein Felsdom, der wie ein Zahn aus der Landschaft ragt.
Der Garajonay: das eigentliche Naturwunder
Der höchste Punkt der Insel liegt bei knapp 1.500 Metern im Nationalpark Garajonay, der zum UNESCO-Welterbe zählt. Dort oben steht ein Lorbeerwald, der in Europa fast ausgestorben ist – ein Nebelwald, in dem die Bäume ihre Feuchtigkeit direkt aus den Wolken ziehen, die von den Passatwinden gegen die Berge gedrückt werden. Als ich das erste Mal dort oben stand, war ich innerhalb von zehn Minuten komplett nass. Nicht vom Regen. Von der Wolke, durch die ich gelaufen bin.
Praktisch heißt das: Wanderschuhe mit Profil, eine Regenjacke auch im Juli, und Zeit einplanen, weil die Wege im Wald bei Nässe rutschig werden. Und ja, ein Blick auf die Wetterlage lohnt – im Norden kann es trüb sein, während unten in Playa Santiago die Sonne knallt.
Ist es auf La Gomera teuer?
Teurer als das spanische Festland, günstiger als die Hotelburgen im Süden Teneriffas. So würde ich es in einem Satz zusammenfassen. Für ein Doppelzimmer in einer mittleren Unterkunft habe ich auf La Gomera im Schnitt zwischen 70 und 110 Euro gezahlt, je nach Ort und Saison – im Valle Gran Rey mehr, in Agulo deutlich weniger. Ein Mietwagen schlägt für eine Woche mit rund 200 bis 300 Euro zu Buche, und das ist der Posten, den ich beim ersten Mal sträflich unterschätzt habe. Ich hatte gedacht, ich komme mit Bus zurecht. Auf dem Papier stimmt das auch. In der Praxis fahren die Busse selten, und ich habe zwei Nachmittage am Straßenrand verbracht.
Was kostet was – ein Realitätscheck
| Posten | Preisrahmen | Anmerkung |
|---|---|---|
| Fähre Hin- und Rückfahrt | ca. 60–90 Euro pro Person | Katamaran teurer als Autofähre |
| Doppelzimmer mittlere Kategorie | 70–110 Euro / Nacht | Wochenrabatte üblich |
| Mietwagen pro Woche | 200–300 Euro | früh buchen, Automatik knapp |
| Mittagessen im lokalen Restaurant | 12–18 Euro | Menú del día oft günstiger |
| Eintritt Nationalpark | kostenfrei | Spende für Wegepflege willkommen |
Der Punkt, an dem es wirklich ins Geld geht, ist die Anreise. Ein Flughafen auf La Gomera existiert zwar, wird aber nur von wenigen Inlandsverbindungen angeflogen – die meisten Gäste landen auf Teneriffa und nehmen die Fähre. Wer eine Pauschalreise bucht, zahlt oft weniger als bei Einzelbuchung, weil Flug, Transfer und Fähre im Paket kalkuliert werden. Ich habe das lange belächelt und mich am Ende geärgert, weil ich für dieselbe Woche 180 Euro mehr ausgegeben habe als die Familie, die neben mir am Strand lag.
Wann ist die beste Reisezeit für La Gomera?
Für Wanderer: März bis Mai und September bis November. Für Badefreunde: Juni bis Oktober. Für alle, die beides wollen und Menschenmassen meiden: Ende April, dann ist das Wasser langsam warm und die Wege sind noch leer.
Der Grund für diese Aufteilung liegt in der Geografie. Die Passatwinde teilen die Insel in zwei Zonen – der Norden ist feuchter und grüner, der Süden trockener und sonniger. Im Hochsommer kann es im Süden über 30 Grad heiß werden, während man im Lorbeerwald bei 18 Grad durch den Nebel läuft. Im Winter bleibt es mild, aber es regnet häufiger, und dann werden die Wanderwege matschig.
Wann es voll wird – und wann nicht
Die Karwoche und der August sind die Spitzenzeiten, vor allem, weil dann auch Spanier aus dem Mutterland anreisen. Ich habe einmal versehentlich über Ostern gebucht und auf der Fähre gestanden, weil alle Sitzplätze belegt waren. Außerhalb dieser Fenster ist die Insel angenehm ruhig, selbst im Hochsommer findet man an den schwarzen Stränden von Playa Santiago noch einen freien Platz.
Wale zwischen Teneriffa und La Gomera – und was sonst noch lohnt
Auf der Fährüberfahrt habe ich mehrfach Delfine gesehen, die neben dem Schiff hergeschwommen sind. Die Gewässer zwischen den Inseln gehören zu den artenreichsten der Region, und mehrere Anbieter starten von beiden Seiten aus zu Walbeobachtungstouren. Ich habe eine solche Tour einmal mitgemacht und war zwiegespalten: Die Tiere waren beeindruckend, die Zahl der Boote an einem einzigen Vormittag ebenfalls. Wenn Sie das machen wollen, achten Sie auf Anbieter, die einen Mindestabstand einhalten – das ist kein Marketingversprechen, sondern der Unterschied zwischen Beobachten und Bedrängen.
Ein Detail, das viele nicht auf dem Schirm haben: Die Silbo gomero, die Pfeifsprache der Insel, ist immaterielles UNESCO-Kulturerbe. Sie funktioniert, weil sich die Laute über die tiefen Schluchten hinweg tragen – ein Kommunikationssystem, das nur wegen der Landschaft existiert. Wenn Ihnen auf einem Aussichtspunkt jemand pfeift, ist das kein Ruhestörer. Es ist die Kultur der Insel.
Was ich beim zweiten Mal anders gemacht habe
Beim ersten Besuch habe ich versucht, alles zu sehen: den Nationalpark, alle Dörfer, drei Strände, die Fähre zurück am selben Wochenende. Das Ergebnis war ein Urlaub, an den ich mich an Fotos erinnere, nicht an Gefühle.
Beim zweiten Mal habe ich vier Nächte in Agulo gebucht, einem der ältesten Orte der Insel, und nichts anderes. Ich bin jeden Morgen eine andere Route gelaufen, habe mittags in derselben Bar gegessen und abends auf einer Bank gesessen, von der aus man aufs Meer schaut. Das war der bessere Urlaub. Nicht, weil ich mehr gesehen hätte – sondern weil ich angefangen habe zu verstehen, wie diese Insel funktioniert.
Falls Sie also mit dem Gedanken spielen: Nehmen Sie sich weniger vor. Die Fähre bringt Sie zurück, wann Sie wollen. Die Insel läuft Ihnen nicht weg.